Peter Diefenbachs Gedichte


(Philosophie; April 1996)

Einst wünschte ich

Einst wünschte ich, ein Mann zu sein,
so ich fragte meinen Vater,
«Vater, was muss ich tun, um ein richtiger Mann zu sein?»
Und er sagte zu mir:
«Du musst groß und stark sein wie ein Elefant,
und genauso dickhäutig.»
Also versuchte ich, groß und stark zu sein wie ein Elefant,
und genauso dickhäutig.
Doch so ganz wollte es mir nicht gelingen,
immer öfter wähnte ich mich im Porzellanladen.

Noch immer wünschte ich, ein Mann zu sein,
so ich fragte meine Mutter,
«Mutter, was muss ich tun, um ein richtiger Mann zu sein?»
Und sie sagte zu mir:
«Du musst vernünftig sein und anständig
und die Verantwortung für die Familie tragen.»
Also versuchte ich, vernünftig zu sein und anständig
und die Verantwortung für die Familie zu tragen.
Doch so ganz wollte es mir nicht gelingen,
immer öfter vergaß ich vor Vernünftigkeit,
dass ich auch Gefühle hatte.

Noch immer wünschte ich, ein Mann zu sein,
so ich fragte meinen Großvater,
«Großvater, was muss ich tun, um ein richtiger Mann zu sein?»
Und er sagte zu mir:
«Du musst große Taten vollbringen
und ein Held sein.»
Also versuchte ich, große Taten zu vollbringen,
und ein Held zu sein.
Doch so ganz wollte es mir nicht gelingen,
und ich merkte, dass viele der Heldentaten einfach dumm waren.

Noch immer wünschte ich, ein Mann zu sein,
so ich fragte meine Großmutter,
«Großmutter, was muss ich tun, um ein richtiger Mann zu sein?»
Und sie sagte zu mir:
«Du musst viele Kinder zeugen und sie ernähren.»
Also versuchte ich, viele Kinder zu zeugen und sie zu ernähren.
Und so lernte ich viele Frauen kennen,
doch schien das alles irgendwie verkehrt.

Noch immer wünschte ich, ein Mann zu sein,
so ich fragte ich einfach ein fremdes Mädchen,
«Du, was muss ich tun, um ein richtiger Mann zu sein?»
Sie sah mich lange mit ihren großen, fragenden Augen an
Und sagte dann zu mir:
«Aber Du bist doch schon ein Mann?»

Seitdem versuche ich, ich selbst zu sein.

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